"Kirchen erzählen vom Glauben - diese Kirche in Fraurombach auf unverwechselbare Weise." (30.08.2003)

Die Herakliuslegende

Im Jahr 630 nach Christi Geburt, als Focas römischer Kaiser geworden war, wird in Rom der Knabe Heraklius geboren. Der Sohn eines wohlhabenden Bürgers ist von Gott mit ganz besonderen Gaben gesegnet: Er hat die Fähigkeit, die geheimen Eigenschaften von Steinen, Pferden und Frauen zu erkennen! Als sein Vater stirbt, wird das Vermögen der Familie für das Seelenheil des Verstorbenen gespendet. Heraklius selbst schlägt seiner Mutter vor, ihn auf dem Sklavenmarkt zum Kauf anzubieten, um ihm ein Leben in Armut zu ersparen. Der Truchsess des Kaisers Focas ist von den angeblichen Wunderkräften des Jungen so beeindruckt, dass er ihn für tausend Goldstücke kauft.
 
Der Kaiser jedoch ist wegen des hohen Kaufpreises skeptisch und will die Gaben des Jungen auf die Probe stellen. Zuerst soll Heraklius seine Fähigkeit beweisen, Edelsteine zu beurteilen. Auf einem Markt werden alle wertvollen Steine des Reiches angeboten und Heraklius soll den wertvollsten unter ihnen auswählen. Er aber wählt einen unscheinbaren Feldstein aus, den er zu einem unfassbar hohen Preis erwirbt. Daraufhin wird er von den Umstehenden verspottet und auch der Kaiser ist, als ihm der Stein präsentiert wird, skeptisch und will wissen, warum ausgerechnet dieser gewöhnliche Stein so wertvoll sein soll.
 
Heraklius tritt den Beweis an, indem er sich einen Mühlstein um den Hals binden und sich damit im Tiber versenken lässt. Er trägt seinen Wunderstein in der Hand und wird nach Stunden unversehrt wieder aus dem Fluss gezogen. Da die Zuschauer dennoch weiter skeptisch sind, lässt sich Heraklius auf eine weitere Probe ein: Er verlangt, dass ein Feuer angezündet wird. Unter dem Schutz seines Steins stellt er sich mitten in die Flammen und verlässt sie nach geraumer Zeit wieder unbeschadet. Auch ein Angriff mit dem Schwert kann ihm nichts anhaben, solange er seinen Stein in der Hand hält.
 
Focas ist nun überzeugt, dass Heraklius sich auf Steine versteht, aber auch begierig darauf, zu erfahren, ob er Pferde tatsächlich genauso gut beurteilen kann. Heraklius erhält daher den Auftrag, ein Pferd für den Kaiser zu kaufen. Wieder findet ein Markt statt und Heraklius soll das beste Pferd des Reiches erwerben. Lange findet er keines, das seinem kritischen Urteil standhalten kann. Schließlich jedoch entdeckt er ein dürres und struppiges Fohlen, von dem er prophezeit, dass es ein gutes Rennpferd würde, sobald es ausgewachsen sei. Obwohl Heraklius warnt, das Fohlen nicht zu früh den Strapazen eines Pferderennens auszusetzen, veranlasst Focas ein solches Rennen, um die Fähigkeiten des Fohlens sofort auf die Probe zu stellen. Heraklius gewinnt das Rennen auf dem Fohlen, das Tier jedoch verliert infolge der Überanstrengung sein Leben.
 
Nach diesen Beweisen seiner besonderen Gaben wird Heraklius am Hof des Kaisers als dessen engster Berater aufgenommen und allen Bediensteten wird befohlen, dem Jungen genauso zu gehorchen, als ob er der Kaiser selbst wäre.
 
Einige Zeit darauf besinnt man sich der dritten Gabe des Heraklius, nämlich die geheimen Eigenschaften der Frauen zu erkennen, und der Berater erhält den Auftrag, eine Braut für den jungen Kaiser zu suchen. Er soll sie unter den schönsten und anmutigsten aller adligen Frauen auswählen. Doch diese können ihn nicht beeindrucken: Seien sie auch noch so schön und von edler Herkunft, jede hat doch einen Makel. Die eine ist habgierig, die nächste hat einen heimlichen Geliebten und überlegt schon, wie sie den Kaiser betrügen wird... Heraklius betrachtet alle gewissenhaft und erkennt auch den verborgensten Fehler. Die Frauen beruhigt er, indem er ihnen erklärt, dass er sich nicht entscheiden kann: „Ich höre nicht deswegen auf mit der Suche, weil ich niemanden finden könnte. Noch der Geringsten hier wären Krone und Land angemessen. Ihr habt keine Schuld daran!“
 
Er selbst ist jedoch entmutigt und weiß nicht, wie er den Auftrag des Kaisers erfüllen soll. Schließlich vertraut er sich Gottes Hilfe an. Und tatsächlich, auf dem Heimweg begegnet er dem mittellosen Mädchen Athanais, dessen Schönheit und Tugend ihn überwältigt. Focas vertraut auf Heraklius‘ Urteil und nimmt Athanais zur Frau. Als Kaiserin wird sie überall begeistert gelobt, sie gibt alles als Almosen, was sie an Geschenken erhält, ist klug, tüchtig und lebt in Anstand und Demut. Der Kaiser ist sehr verliebt, trennt sich kaum von seiner Frau, und denkt den ganzen Tag an sie.
 
Schließlich muss er aber in den Krieg gegen den Herrscher von Ravenna ziehen und ist sehr besorgt, weil er seine Frau zurücklassen muss. Er hat Angst, dass sie ihre Tugend und Sittsamkeit vergessen könnte und lässt sie gegen Heraklius‘ Rat in einen Turm einsperren und bewachen. Dort wird der jungen Athanais das Leben unerträglich: Sie wird trübsinnig und beginnt zu grübeln, was ihren Mann bewogen hat, sie einzusperren. Sie, die immer anständig und treu war, fühlt sich behandelt wie ein elender Dieb, und beginnt, an der Liebe ihres Mannes zu zweifeln.
 
Eines Tages darf sie den Turm für kurze Zeit verlassen, denn die Bürger wollen die Kaiserin beim Frühlingsfest sehen. Während der Ritterspiele verliebt sich Athanais in den jungen Kämpfer Parides, wird liebeskrank und liegt wehklagend zu Bett. Ebenso ergeht es Parides, der schließlich der Heilerin Morphea von dem Grund seines Leidens erzählt und sie um Hilfe ersucht. Morphea wird unter einem Vorwand zur Kaiserin gelassen und schmiedet mit ihr eine List: Bei einem erneuten Besuch der Frühlingsspiele täuscht Athanais vor der Hütte der Heilkundigen einen Sturz vom Pferd vor und wird hineingebracht. Dort wartet bereits der verliebte Parides auf sie…
 
Nach Focas‘ siegreicher Rückkehr erkennt Heraklius sofort den Ehebruch der Athanais. Kaiser Focas will die Ehebrecher töten, sein Berater kann ihn aber überzeugen, dass der Fehltritt nicht geschehen wäre, wenn Focas seine Frau nicht eingesperrt hätte. Die Ehe wird geschieden und Athanais kann mit Parides zusammenleben.
 
Acht Jahre nach Beginn seiner Regierungszeit kommt Focas bei einem Aufstand um und Heraklius wird Kaiser. Zu dieser Zeit hatte der Perserkönig Cosdras Jerusalem zerstört und das Heilige Kreuz nach Persien gebracht. Heraklius will das Kreuz zurückerobern und kämpft gegen die Perser. In einem Zweikampf besiegt er zunächst den Sohn des persischen Königs. Er lässt ihm die Wahl, sich taufen zu lassen oder zu sterben. Da dieser sich weigert, Christ zu werden, tötet er ihn.
 
Anschließend stellt er den König Cosdras in dessen Thronsaal zur Rede; denn dieser hatte das Himmelsgewölbe mit den Sternen imitieren lassen und neben seinem Thron das Heilige Kreuz aufgestellt. Dort lässt er sich als Gott anbeten. Auch er wird von Heraklius enthauptet.
 
Heraklius nimmt das Heilige Kreuz in Besitz und will es nach Jerusalem zurückbringen. Am Stadttor wird er jedoch von einem Engel mit dem Tadel abgewiesen, Christus habe das Kreuz in Armut und Demut getragen, er dagegen erscheine in seiner edlen Kleidung und hoch zu Ross hochmütig und zeige sich seiner Aufgabe nicht würdig. Daraufhin steigt Heraklius vom Pferd, legt seine kaiserliche Kleidung,  Krone und Waffen ab, kleidet sich in armseligen Gewändern und bittet Gott inständig um Erbarmen. Als Gottes Zorn verflogen ist, darf Heraklius das Heilige Kreuz unter den Lobgesängen der Gläubigen durch das wieder geöffnete Stadttor bringen.
 
Was Sie gerade gelesen haben, ist eine kurze Zusammenfassung der Herakliuslegende nach Meister Otte (siehe z. B. Frey, Winfried: Der Eraclius des Otte.) dar. Dieses Versepos wurde Anfang des 13. Jahrhunderts nach der französischen Vorlage von Gautier d'Arras (1170) geschrieben und verlegt das Geschehen um Heraklius von Byzanz nach Rom.